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Zu viel des Guten ist schlecht für die Schwächsten: Gleichbehandlung und Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung

Bewegung gibt es in den letzten Jahren bei der Integration von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft und das ist gut so. Jedes Kind, jeder Mensch hat ein Recht darauf, ein gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft zu sein, auch wenn er  „anders“ ist. In Österreich hat das Thema der Integration von Menschen mit besonderem Förderbedarf durch die 2011 erfolgte Übernahme wichtiger Prinzipien  aus der UN Kinderrechtskonvention in die österreichische Bundesverfassung Schwung aufgenommen.

UN Kinderrechtskonvention wird umgesetzt
Auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene gibt es viele positive Initiativen, die betroffenen Kindern und Erwachsenen mit besonderem Förderbedarf mehr „Selbstbestimmung“, „Wahlfreiheit“ und „Gleichbehandlung“ ermöglichen. War es vor ein paar Jahren für betroffene Eltern noch praktisch unmöglich, ihre Kinder in „normale Pflichtschulen“ zu integrieren, gibt es inzwischen einige Erfolgsbeispiele. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen gemeinsam mit „normalen“ Kindern: Das funktioniert mit Hilfe von Stützlehrern und teilweise auch räumlichen Anpassungen bereits in mehreren Schulen sehr gut und alle Kinder profitieren. Dass diese Form der Integration nun ohne bürokratischen Spießrutenlauf möglich ist, war mehr als überfällig. Inwieweit es allerdings durchgängig gelingen kann, auf die sehr individuellen Bedürfnisse von Kindern einzugehen, bleibt offen.  Und während die Kinderrechtskonvention die bestmögliche Förderung vorsieht, ist das Recht auf Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse bei dieser Form der Integration gesetzlich bei uns noch nicht verankert.

Es geht nicht um Ausgrenzung sondern um bestmögliche Förderung
Leider haben diese Entwicklungen aber auch Schattenseiten: Gerade den Allerschwächsten können sie Nachteile bringen. Die Erfolgsbeispiele in der Integration betreffen Menschen, deren Förderbedarf vergleichsweise gering ist. Man orientiert sich an den „Stärksten“ der „Schwächsten“ und vergisst dabei, dass die Bandbreite an Unterstützungsbedarf gewaltig ist. Eine adäquate Förderung ist bei manchen Kindern und Erwachsenen so vielfältig, dass diese nur in gut ausgestatteten Zentren möglich ist.  Dabei geht es weder um ein Wegsperren noch ein Ausgrenzen von Menschen mit Behinderung. Es geht darum, Kindern die bestmögliche Unterstützung zu bieten und ihnen zu ermöglichen, ihre jeweiligen Potenziale so weit wie möglich auszuschöpfen. Deshalb sind solche Zentren nicht im Widerspruch zur UN-Kinderrechtskonvention sondern ganz in ihrem Sinne. Eben dann, wenn sie für ein Kind und sein familiäres Umfeld die bestmögliche Lösung darstellt. Wer das Gegenteil behauptet, hat die UN Kinderrechtskonvention entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Gerechte Gleichbehandlung bedeutet nicht, alle über einen Kamm zu scheren, sondern auch Kindern mit vielschichtigem Förderbedarf ihr Recht auf bestmögliche Förderung zu sichern. Hier muss man dann um Ecken denken: Wenn Kinder nicht in die Integration kommen können, sollte die Integration zu den Kindern kommen. Bestehende  Zentren wie die derzeitigen Sonderschulen könnten zu Integrationszentren ausgebaut werden und  für alle Kinder in unterschiedlichsten Klassenformationen offen sein.

Wer nicht weiß, was Selbstbestimmung ist, kann sie nicht nützen
Auch das Thema „Selbstbestimmung“ ist nicht so einfach wie es scheint. Behinderte Menschen sollen nicht in therapeutischen Zentren „zwangsbeglückt“ werden, sondern aus einem freien Angebot an Therapien wählen können. Soweit die Theorie. Die funktioniert auch wunderbar für Menschen, die physisch und psychisch in der Lage sind zu wählen. Wer jedoch gar nicht erfassen kann, was Selbstbestimmung ist oder weiß, was er braucht, der bleibt in einem System der Wahlfreiheit unweigerlich auf der Strecke. Gerade denjenigen, die Betreuung und Therapie am allernotwendigsten brauchen, sind durch die Notwendigkeit, „selbst zu bestimmen“  am meisten im Nachteil.  Wer dazu nicht in der Lage und womöglich noch in seinen Fortbewegungsmöglichkeiten eingeschränkt ist, wie beispielsweise durch die gesetzlich anerkannte „Unzumutbarkeit der Benützung öffentlicher Verkehrsmittel“, für den enden die Therapien wohl  einfach. Das ist zwar kostengünstig fürs System aber eine menschenunwürdige Verschlechterung, die weder im Sinne einer Kinderrechts- noch Menschenrechtskonvention ist.


Mehr Empathie statt Dogmatik
In der derzeitigen Situation erscheint es wichtig, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Gut gemeint ist nicht in jedem Fall gut und zu viel Dogmatik ist selten der Weisheit letzter Schluss. Integration und Selbstbestimmung soll für alle, die davon profitieren, eine Selbstverständlichkeit sein. Gleichzeitig muss es aber auch in Zukunft Betreuungsmechanismen geben, die die Allerschwächsten auffangen. In diesem Sinne sollte man bewährte Strukturen nicht voreilig zerschlagen. Auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen: Behinderung gibt es leider nicht nur in den Köpfen der Mitmenschen. Wer meint, dass sich durch ein Umdenken der Gesellschaft die  Probleme von Menschen mit besonderem Förderbedarf in Luft auflösen, betreibt Schönfärberei … und auch die ist in der UN Kinderrechtskonvention keinesfalls gedeckt.